Vera Buck: Runa – Rezension

Ein einzigartiger und unvergesslicher Roman über ein Mädchen, über das man selbst kaum etwas erfährt

In dem Roman „Runa“ von Vera Buck geht es um den jungen Studenten Jori, der im 19. Jahrhundert an einer angesehenen Klinik für Geisteskrankheiten in Paris studiert. Seit einiger Zeit hat er sein Studium nun schon abgeschlossen, hat sich aber bis jetzt vor seiner Doktorarbeit drücken können. Als sein von ihm geliebter Professor Charcot schließlich in seiner Vorlesung eine Patientin vorstellt, über die man kaum etwas weiß, ändert sich sein ganzes Leben. Die Patientin ist ein junges Mädchen namens Runa, die auf keine Behandlungsmethode des geübten Professors anspricht und auch sonst komplett aus dem „normalen“ Krankheitsbild in der Klinik fällt. Runa spricht nicht, isst nicht und rührt sich auch sonst kaum. Sie ist an ihr Bett gefesselt und liegt die ganze Zeit stumm da, wenn sie jemand berührt, schrecken die meisten vor ihr zurück. Denn Runa hat zwei unterschiedliche Augen – eines ist tiefschwarz und das andere Blau. Als nun Charcot das Mädchen in einer Vorlesung vorstellt und sie für Verwirrung unter den Studenten sorgt, bringt Jori den Vorschlag an, er könne die Krankheit Runas durch eine Operation aus ihrem Gehirn herausschneiden. Dies will er im Rahmen seiner Doktorarbeit tun, die ja nun schon lange bevor steht. Doch Jori stößt dabei nicht nur auf das Hindernis, das ein solcher Eingriff noch nie zuvor unternommen wurde, sonder ihn holt auch Runas und seine eigene Vergangenheit ein, die beide gar nicht so weit voneinander entfernt sind…

Als wäre dies nicht genug findet man auch in ganz Paris Spuren von Runa, mit Blut an Wände geschmiert, einer Leiche in einem Brunnen und in die Haut einer unschuldigen Frau geritzt. Was hat das mit einem Mädchen zu tun, das kaum älter als 9 Jahre ist?

Zunächst einmal möchte ich auf das Cover eingehen, dass wie ich finde nicht viel auf den Inhalt des Buches schließen lässt. Die einzige Gemeinsamkeit, finde ich, ist, dass beides bedrückend ist, das eine mehr, das andere weniger. Aber nichts desto trotz ist das Cover wirklich schön gestaltet.

Mir hat die Geschichte um Jori und Runa sehr sehr gut gefallen. Das besondere war meiner Meinung nach, wie sie erzählt wurde. Man erfährt die ersten drei Teile nur Fragmente dieser unglaublich umfangreichen Geschichte und weiß diese erst gar nicht einzuordnen. Erst im Laufe der Geschichte merkt man, wie sich alles zusammen fügt und ein großes Ganzes bildet, was Vera Buck meiner Meinung nach sehr gut gelungen ist. Auch hat die Autorin die ganze Umgebung, die Klinik und die Stadt Paris aus dem 19. Jahrhundert sehr bildlich beschrieben und ich konnte mir genau vorstellen, wie die Kutschen an Jori vorbei gefahren sind und der Schnee an Weihnachten jeden Schritt ins Freie ungemütlich gestaltete. Besonders gefiel mir, dass die Autorin auch viele französische Elemente mit in das Buch gebracht hat. Na ja, Lesern, die kein Französisch sprechen, wäre das keiner Bemerkung wert, aber ich fande, dass der Einbezug der Sprache vom Handlungsort die Geschichte noch intensiver und glaubhafter geworden ist.

Das Buch ist sehr gut recherchiert, das muss man der Autorin wirklich lassen. Was dementsprechend gut beschrieben wird, sind die „Behandlungsmethoden“, die dort in Paris an den hilflosen Frauen verrichtet werden, die die Männer dieser Zeit für nicht geistig gesund erklärten. So wurden Frauen in die Klinik eingeliefert, die eigentlich gar kein Leiden hatten, aber von Männer für hysterisch erklärt wurden und deren Heil auch nicht in dieser Klinik erbracht wurde. So wie es in dem Buch geschildert war, waren diese Zeiten nicht schön für Frauen und sehr bedrückend.

Im Großen und Ganzen konnte mich das Buch unglaublich unterhalten, auch wenn ich dabei nicht lachen konnte. Es hat mich zum Nachdenken gebracht und dankbar gemacht, dass wir heute nicht mehr der Meinung sind, psychologische Störungen können beseitigt werden, indem man ein Stück vom Gehirn entfernt. Ich würde jedem Empfehlen, dieses Buch zu lesen und werde auch die Autorin weiter beobachten, denn sie konnte mich mit „Runa“ wirklich überzeugen.

Meine Bewertung: 10/10

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